MuTiG Wissen Digitalisierung für Lebensqualität, Teilhabe und Aktivierung

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Nils Müller contec GmbH

Frau K. sitzt am Nachmittag in ihrem Zimmer. Früher ist sie gerne gereist, hat Freund*innen besucht und Konzerte. Heute fällt ihr das schwer – selbst die Fernbedienung ist zu kompliziert, das Smartphone liegt ungenutzt in der Schublade, Besuche sind selten geworden. Was bleibt, ist viel Zeit und wenig Abwechslung.

Solche Situationen kennen viele Einrichtungen. Der Wunsch nach mehr Unterhaltung, sozialer Teilhabe und Aktivierung ist da – ebenso wie die Grenzen des Alltags. Digitale Technologien können diese Lücke nicht schließen, aber sie können helfen, sie zu verkleinern: durch einfache Kommunikationshilfen, interaktive Spiele, virtuelle Erlebnisse oder digitale Begleiter.

Der Markt dafür ist groß und unübersichtlich. Dieser Artikel gibt einen kurzen Überblick über ausgewählte Technologien, die speziell für ältere oder beeinträchtigte Menschen entwickelt wurden und die Sie auch in unserem „Truck der Digitalisierung (TruDi)“ kennenlernen können.

Kommunikation und digitale Teilhabe – verbunden bleiben

Wenn die körperlichen oder geistigen Fähigkeiten schwinden, wird es für die Menschen umso wichtiger, mit der Welt verbunden zu bleiben und am gesellschaftlichen Leben weiter teilhaben zu können. 

Hier kommen mehrere Klassen von Technologien ins Spiel, die genau diese Anbindung verbessern bzw. vereinfachen. Da sind etwa solche Angebote, die es den Menschen erleichtern, allgemein verfügbare Angebote zu nutzen, wenn sie marktübliche Geräte wie Smartphones oder Tablets nicht länger eigenständig bedienen können. 

Ein Beispiel hierfür ist Enna, das in Verbindung mit einem Tablet genutzt wird. Statt der komplexen Touch-Bedienung gibt es hier kleine Karten, die nur abgelegt werden müssen. So werden gezielt Funktionen des Tablets angesteuert: Wettervorhersage, die aktuelle Tagesschau oder Folge der Lieblingsserie, eine Musik-Playlist, ein von der Familie bestücktes Fotoalbum oder gleich ein Videoanruf. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt family.cards in Verbindung mit einem Fernseher – noch einfacher, aber auch etwas weniger flexibel.

Andere Anbieter gehen noch etwas weiter und bereiten kulturelle Angebote explizit für ältere oder beeinträchtigte Menschen auf: Die Gute Stunde bietet zum Beispiel regelmäßig Online-Kulturveranstaltungen für ältere Menschen an – vom entspannten Kulturcafé über den anspruchsvollen Salon bis zur Werkstatt, in der die Teilnehmenden selbst aktiv werden. Es gibt auch ein Angebot speziell für von Demenz betroffene Menschen. Eine weitere Möglichkeit sind virtuelle Reisen oder Besuche von Konzerten mithilfe von VR-Brillen, wie sie Anbieter wie Kaleidooder Vitablickanbieten. 

Digitale Spiele und Entspannung – positive Momente 

Es muss aber auch nicht immer gesellschaftlich oder pädagogisch wertvoll sein. Es darf auch einfach mal Spaß machen. Ähnlich wie bei der digitalen Teilhabe finden sich auch hier unterschiedliche Angebote, die auf klassische Bildschirme setzen, VR-Brillen nutzen oder alternative Wege finden, Menschen digital zu unterhalten.

Ein großformatiger Touchscreen steht im Mittelpunkt der Angebote von Caretable oderAktivtisch. Hier können die Nutzer*innen jeweils verschiedene Spiele nutzen, deren Bedienung explizit auf Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen angepasst ist. Mitarbeitende hingegen müssen kaum etwas vorbereiten. Dabei können die Bildschirme auch für therapeutische Zwecke, zur Biografiearbeit oder für Videotelefonie genutzt werden.

Im Bereich VR gibt es nicht nur kulturelle Angebote, sondern auch spielerische, wie zum Beispiel von Magic Horizon. Hier können die Nutzer*innen in künstliche virtuelle Welten abtauchen und einfache Bewegungsspiele spielen. Cureo nutzt eine ähnliche Idee, kann durch sein präzises Fingertracking aber sogar in ergo- und physiotherapeutischen Zusammenhängen eingesetzt werden. VRelaxhingegen betont den Aspekt der Entspannung, der auch für überlastete Mitarbeitende interessant sein kann.

Schließlich gibt es auch Angebote ohne Bildschirm im engeren Sinne, wobei die Tover-Tafel einen Beamer mit integrierter Gestenerkennung nutzt, um Spiele auf vorhandene Tische, Wände oder den Boden zu projizieren, wo sie dann von den Spieler*innen gespielt werden können.

Einen ganz anderen Ansatz wählt ichó mit seinem leuchtenden Therapieball, der speziell zur motorischen und kognitiven Förderung entwickelt wurde. Durch Drehen, Schütteln oder Rollen können die Nutzer*innen mit dem Ball interagieren, der wiederum mit farbigem Licht, Sprach- und Tonausgabe und Vibrationen reagiert. Hier lassen sich auch einfache Quiz- oder Gruppenspiele gestalten. 

Digitale Haustiere und Social AI – Ruhe und Interaktion

Als dritte und letzte Kategorie möchten wir noch Technologien vorstellen, die die Menschen in grundlegenden Bedürfnissen ansprechen: somatische Stimulation und soziale Interaktion.

Den Fokus auf die somatische Stimulation durch körperlich spürbare Vibration und entspannende Klänge legt etwa das Klangkissen inmu, das bei unseren TruDi-Workshops von den Mitarbeitenden auch zur eigenen Verwendung gewünscht wird. Es hilft den Nutzer*innen zu entspannen und reduziert körperliche Unruhe. Es kann damit auch Einschlafschwierigkeiten entgegenwirken. 

In eine ähnliche Richtung zielen auch robotische Haustiere, wie die bekannte Roboter-Robbe Paro. Eine mögliche Alternative ist cupboo, ein pelziges „Nagetier“, das sich an die Hand oder den Körper anschmiegt und auf Streichen mit wohligen Geräuschen und Bewegungen reagiert – ebenfalls sehr beliebt bei den Teilnehmenden unserer Workshops.

Zum Schluss sind hier auch menschenähnliche Roboter wie Pepper oder Navelzu nennen, die weniger kuschelig sind, dafür jedoch in sehr engen Grenzen eine menschenähnliche Interaktion ermöglichen. Sie können Bewohnende auf dem Flur ansprechen und ihnen Orientierung geben, Bewegungsübungen anleiten oder für einen kurzen, simulierten Plausch bereitstehen.

Digitale Technologien sind kein Selbstzweck und kein Ersatz für Beziehung. Richtig eingesetzt können sie jedoch dort ansetzen, wo klassische Angebote an ihre Grenzen stoßen. Bewohner*innen wie Frau K. eröffnen sie neue Möglichkeiten der Teilhabe – auch dann, wenn Mobilität, Wahrnehmung oder Konzentration nachlassen.

Für Einrichtungen bedeutet das eine strategische Aufgabe: Angebote auszuwählen, die zum Profil der Einrichtung, zu den Ressourcen der Mitarbeitenden und zu den Bedürfnissen der Bewohnenden passen. Nicht die technische Innovation steht im Mittelpunkt, sondern ihr Beitrag zur Lebensqualität. Wer diesen Fokus behält und digitale Lösungen bewusst erprobt, schafft nachhaltige Mehrwerte – für Bewohner*innen wie Frau K. ebenso wie für die tägliche Arbeit im Team.