Spiritueller Impuls: Fronleichnam – mehr als Brot

Fronleichnam – mehr als Brot

Gastbeitrag von Rudolf Hagmann, SWR Sonntagsgedanken

Eine Erzählung von Franz Kafka heißt „Ein Hungerkünstler“. Dieser Hungerkünstler ist eine seltsame Gestalt. Auf Jahrmärkten hat er große Auftritte gehabt. Das ist jetzt vorbei. Hungern zu können, ist uninteressant geworden. Der Wohlstand ist ausgebrochen. Der Hungerkünstler wurde vergessen. Man entdeckt ihn eines Tages zufällig beim Aufräumen. Er hungert noch immer – und die Leute denken, er will sich nur interessant machen. Doch im Gespräch kommt heraus, was hinter seiner eigentümlichen Kunst steckt: “Ich kann nicht anders!”, sagt er, „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte mich vollgegessen wie Du und alle.“

Der Hungerkünstler lebt –  wie alle Menschen – nicht vom Brot allein. Er will anerkannt werden, respektiert sein und in dem, was er ist, wertgeschätzt werden. Dieses Verlangen, dieser Hunger lebt in jedem Menschen. Jeder von uns kennt ihn.
„Hunger auf Leben“ habe ich einmal auf einem Werbeplakat einer Bäckerei gelesen. Hunger auf Leben ist mehr als Hunger auf Brot. Ich frage mich: In welcher Bäckerei sollte ich diesen Hunger auf Leben stillen können?

Es geht an Fronleichnam um ein kleines Stück Brot, das für die katholischen Gemeinden im Mittelpunkt steht. Sie glauben, dass in der Hostie, in diesem kleinen Brot, Jesus Christus bei ihnen da ist. Sie feiern deswegen ein buntes und fröhliches Fest. Gottesdienste und feierliche Prozessionen finden im Freien, in aller Öffentlichkeit statt. Menschen gehen buchstäblich auf die Straße, um vor aller Welt zu zeigen, was für sie das Wichtigste ihres Glaubens ist: Ein kleines Stück Brot. Sie nennen es Brot des Lebens und schauen ehrfürchtig auf die Monstranz, in deren Mitte das Brot aufbewahrt wird und für die Menschen sichtbar bleibt.

Fronleichnam ist ein traditionsreiches Fest. Die Augen bekommen viel zu sehen und manch einer mag fasziniert sein, andere wieder abgestoßen von einem scheinbar fremden Spektakel. Aber mit den Augen sieht man eben das Entscheidende nicht. Das kleine Brot hinter der Scheibe ist nicht alles.  Viel wichtiger und zentraler ist, was dieses Brot beinhaltet und was es bedeutet. Es erinnert an das Abschiedsmahl Jesu vor seinem Tod. Damals nahm er Brot in seine Hände, segnete es, brach es, gab es seinen Jüngern mit den Worten: „Nehmt und esst. Das ist mein Leib.“ Damit hat er den Jüngern gezeigt, wie er sein Leben verstanden hat: Das bin ich für euch: ein Mensch, der sich für andere austeilt wie Brot, einer der sogar sein Leben für andere hingibt. Wer nach einem erfüllten und guten Leben hungert, ist bei ihm an der richtigen Adresse.