Spiritueller Impuls: Sein lassen

Sein lassen

Gastbeitrag von Sr. Irmgard Richter - Evangelische Stadtmission Freiburg e.V. 

Menschen beschäftigen sich gern mit Menschen. Wir beobachten einander, wir lernen voneinander. Aber wir bewerten uns auch gegenseitig. Macht der das gut oder nicht? Wir erziehen uns gegenseitig. Wir geben Ratschläge. Wir meinen zu wissen, was gut ist für die anderen. Was sie tun sollen – und wie sie es tun sollten – oder eben nicht. Ich kenne das. Ich heiße schließlich „Richter“. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich mich tatsächlich manchmal wie ein Richter verhalte. Dabei heißt es doch in der Bibel: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Matthäus 7,1)  

Ich habe angefangen, das zu üben: andere sein lassen, wie sie sind, ohne an ihnen „rummachen“ zu wollen. Es ist schwer – wie das Lernen einer fremden Sprache.  Aber es ist auch befreiend. Ich meine, es macht mich gelassener – hoffentlich auch freundlicher. Natürlich ärgere ich mich noch über manches, was andere machen.  Aber ich sage mir dann: Das hat mit mir zu tun, nicht mit dem anderen. Es hat mit meinen Wünschen zu tun, mit meinen Werten und Bedürfnissen. Dadurch erfahre ich auch vieles über mich selbst. Und ich sage mir: Der andere darf sich ja auch noch ändern, darf „werden“. Ich bin ja auch noch nicht fertig. Übrigens: Ich darf auch mich selbst „sein lassen“. Ich muss auch nicht ständig an mir „rummachen“. Ich werde schon noch werden – hoffentlich.